Folgen des Zuckeranbaus
Eine Auswirkung von Agrotreibstoffen auf Arbeiter
Seit geraumer Zeit wird eine Diskussion um den Sinn und die Effizienz der Produktion sogenannter Biotreibstoffe geführt, die besser als Agrotreibstoffe bezeichnet werden. Beim Anbau von Mais, Zuckerrohr und auch Weizen zur Gewinnung dieser Agrotreibstoffe werden vor allem folgende Punkte problematisiert:
- zunehmende Rodung von Regenwäldern zur Gewinnung weiterer Anbauflächen
- Verdrängung von kleinbäuerlichen Gemeinschaften und Einzelproduzenten von ihren Parzellen
- Ausdehnung von Hungerkrisen, wenn weiter Anbauflächen von Grundnahrungsmitteln umgewidmet werden
- strittig bewertete Energie- und CO² -Bilanzen
Weniger im Focus der Öffentlichkeit stehen bislang die gesundheitlichen und sozialen Folgen der Intensivierung des Anbaus dieser „Energieträgerpflanzen“. Wir wollen diese Diskussion durch ein Beispiel aus Nicaragua erweitern.
Bislang betreiben zwei große Unternehmen den großflächigen Anbau von Zuckerrohr und produzieren 90 % der Gesamtmenge des Landes in der heißen Zone um Chinandega im Nordwesten Nicaraguas. Das ingenio „San Antonio“ ist im Besitz der „Grupo Pellas“, einer der reichsten Familien Nicaraguas, bekannt durch die Produktion des Rums „Flor de Caña“. Das zweite Unternehmen ist der guatemaltekische Konzern „Pantalon“, der den früheren Staatsbetrieb „German Pomares“ mit seinem maroden ingenio übernommen hat.
Während San Antonio bereits in die Ethanolproduktion eingestiegen ist und nach Europa exportiert, planen die Guatemalteken den Einstieg in die Produktion (150 000 L/Tag) und den Export im großen Stil und fordern vom nicaraguanischen Staat mehr Unterstützung bei der Umstellung auf die Verwendung des Ethanols als Treibstoff auch im Lande. Sicherlich ist dies ein Ansatz, über den man reden kann, wenn man die verheerende Abhängigkeit vom importierten Erdöl verringern will.
Langzeitwirkungen der Zuckerproduktion
Die Folgen des intensiveren Zuckerrohranbaus sind jedoch für die Arbeitnehmer und Tagelöhner der Konzerne sowie die Kleinbauern im Zuckerrohrgürtel bereits jetzt katastrophal. Zusammen mit Javier Espinoza, Mitarbeiter der befreundeten NGO Chinantlan in Chinandega, besuchte ich in den letzten Dezembertagen 2008 zuerst Luis Alvarez Molina, Produzent und Vertreter von Kleinbauern um Chinandega. Er berichtet, dass in den letzten Jahren zunehmend Land von den großen Produzenten aufgekauft und gepachtet wird, um die Zuckerrohrproduktion auszuweiten. Die Pacht von ca. 100 Dollar pro manzana, was in etwa einem Hektar entspricht, scheint vielen kleinen Grundbesitzern der einfachere Weg, an ein wenig Geld zu kommen. Die Einsicht, dass sie die verteuerten Grundnahrungsmittel nun selbst einkaufen müssen, kommt für viele zu spät, obwohl der Kleinbauernverband UNAG versucht, sie von diesem Schritt abzuhalten.
Am nächsten Tag besuchen wir dann das ingenio Monte Rosa, wo sich eine große Menschenmenge versammelt hat und teilweise die Zufahrt der Zuckerrohrtrucks zur Verarbeitungsanlage (ingenio) versperrt. Die vor kurzem entlassenen Erntearbeiter fordern eine Entschädigung für die erlittenen Gesundheitsschäden. Dort entstand das folgende Interview mit A.J. Gonzales und C. Mendoza, den Vertretern der Geschädigten, sowie mit Florinda, der Mutter eines Arbeiters.
Zum Interview "Wir werden unseren Kindern nur Krankheiten hinterlassen"
Das Leid der Arbeiter und ihrer Familien
Die Aussagen der ehemaligen Zuckerrohrarbeiter machen deutlich, welch verheerende Wirkung der intensivierte Zuckerrohranbau für die Menschen vor Ort hat. Der eigentliche Skandal freilich liegt in der Tatsache, dass das firmeneigene Krankenhaus nicht dazu genutzt wird, die Gesundheit der Arbeiter zu schützen. Man untersucht die Arbeiter, um diese so rechtzeitig zu entlassen, dass bei Tod während der Erntezeit keine Regressansprüche gestellt werden können.
Das heißt: Die Agrotreibstoffe, bei uns als Biotreibstoff gehandelt, ruinieren bei der Produktion die Gesundheit der Produzenten. Die relativ hohen Löhne von 300 Dollar pro Monat während der sechsmonatigen Erntezeit sind tödlich erkauft. Die Hinterlassenschaften der Zuckerrohrverarbeitungsanlage belasten zusätzlich die pestizidverseuchten Anbauflächen: stinkende Kloaken, die bei der nächsten Regenzeit überlaufen und sich in die Landschaft ergießen. In den Grundwasservorkommen sind Schadstoffe nachgewiesen, die aus dem Zuckerrohranbau stammen. Täglich sterben Arbeiter, die ihr Trinkwasser aus Brunnen der Region beziehen.
Auf der Rückfahrt fahren wir am Landeplatz der Flugzeuge vorbei, die die tödlichen Pestizide versprühen. Mit vorgehaltenem Gewehr werden wir aufgefordert, weiter zu fahren. Fotografieren verboten!!
Haben Agrotreibstoffe also eine Zukunft? Aus Sicht der Bauern und Tagelöhner sicherlich nur dann, wenn deren Produktion gesundheits- und umweltverträglich geschieht und nicht auf Kosten der Grundnahrungsmittelproduktion erfolgt. Wie sagte Florinda?: „Wir haben wohl nur die Wahl, wie wir sterben, vor Hunger oder durch Vergiftung!“ (hr)
Dieser Artikel wurde dem Nicaragua Aktuell - Juli 2008 - entnommen.
Ausgabe des Nicaragua Aktuell:
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Eindrucksvolle Fotos und ein Bericht zur Situation der erkrankten Arbeiter finden Sie auch unter Campos de Muerte
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