Die Lebensperspektiven auf dem Land verbessern
Interview mit Ricardo Pereira von CIPRES (Zentrum für die Erforschung und soziale Entwicklung der ländlichen Regionen, Managua). Ricardo Pereira arbeitet als Soziologe an der Erforschung und Begleitung von Programmen für bessere Entwicklungsmöglichkeiten der Bevölkerung in ländlichen Regionen. Für wichtige Teile der sandinistischen Programme zur ländlichen Entwicklung (wie z.B. für das Null-Hunger-Programm) wurden die Konzepte von CIPRES entwickelt.1. Können Sie bitte kurz aufzählen, was im Modell von CIPRES alles zur Förderung der ländlichen Entwicklung gehört? Und was wird davon von der Regierung umgesetzt?
Ein wesentliches Element der Politik zur Förderung der ländlichen Entwicklung ist die Initiierung einer unabhängigen Entwicklung, die Erfassung der Bedürfnisse der Nicaraguaner und der zur Verfügung stehenden Ressourcen, und dass wir uns dabei nicht von den Normen und Richtlinien internationaler Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank beeinflussen lassen. Dies bedeutet, dass wir ein Modell fördern, in dem wir mit unseren wichtigsten Ressourcen beginnen: mit den Menschen und unseren natürlichen Ressourcen (Wasser, Land, Wälder, Meere, Seen und Flüsse, Vulkane, Wind, etc.)
Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die Regierung in der Bildung eine besonders wichtige Aufgaben sieht, dass wir bis zum Jahr 2009 den Analphabetismus von etwa 30% der Bevölkerung auf unter 5% senken konnten und uns die UNESCO als ein Land bezeichnet, das frei ist von Analphabetismus. Wir sind derzeit dabei, die allgemeine Grundschulbildung für alle zu ermöglichen. Dies wollen wir bis zum Ende des Jahres 2013 erreichen. Und wir wollen alle Programme weiter verbessern, um sicherzustellen, dass Bildung in Nicaragua für alle kostenfrei zugänglich ist. Wir fördern Programme zur Ernährung in der Schule, weshalb wir täglichen rund 900.000 Lebensmittelrationen für Schüler in arme Schulen liefern, um so zu gewährleisten, dass der Hunger kein Grund ist, um die Ausbildung zu unterbrechen. Diesen Rationen erreichen mehr als 60% der Kinder in den ärmsten und entlegensten Regionen unseres Landes.
Da eine kranke Bevölkerung keinen wirksamen Beitrag für die Schaffung von Wohlstand leisten kann, haben wir die kostenlose Gesundheitsversorgung gesetzlich festgeschrieben, nicht nur in Bezug auf Arztbesuche, Operationen und Medikamentenversorgung, sondern auch die präventiven regionalen Gesundheitsangebote.
Ein weiteres wichtiges Element in der Politik ist es, den Zugang zu Krediten für den produktiven Sektor sowie technische Unterstützung anzubieten, um die landwirtschaftlichen Erträge bei Pflanzen und Tierhaltung verbessern zu können und um möglichst gesunde Nahrungsmittel zu erzeugen. Außerdem wollen wir bei unserer Produktion die Umwelt achten und die natürlichen Ressourcen schützen.
Tatsächlich gab es Studien zu den großen nationalen Programmen. In Bezug auf die Bekämpfung der Armut haben die FAO (Welternährungsorganisation) und das World Food Programm (WFP) der Vereinten Nationen erklärt, dass Nicaragua das Land in Lateinamerika ist, das sich am stärksten um eine effiziente und transparente Zusammenarbeit bemüht und diese auch einhält. Sie betonten dabei, dass sich die Regierung nicht nur um das Problem der kurzfristigen Ernährung kümmert, sondern für die Nachhaltigkeit der Maßnahmen sorgt, also nicht nur die Fische verteilt, sondern auch lehrt, wie man Fische fängt.
Laut mehrerer Studien, die von der Regierung in Auftrag gegeben wurden, sind die Programme mit den stärksten wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen das Null-Hunger-Programm (Programa Hambre Cero), das ausschließlich arme Frauen in ländlichen Gebieten fördert, das Programm Null Wucher (Programa Usura Cero) das entwickelt wurde, um Frauen in städtischen und stadtnahen Gebieten den Zugang zu Krediten für die Organisation ihrer eigenen Kleinst- und Kleinunternehmen zu ermöglichen, das kostenlose Gesundheits- und Bildungswesen und das Programm Land-Titel für bearbeitetes Land (programa de titulación de tierras productivas).
Einer der schwächsten Punkte bei den Aktivitäten für die ländlichen Entwicklung ist genau die technische Unterstützung, da dafür ein großer Pool von Fachkräften und viele Ressourcen für die Mobilität notwendig sind - Fahrzeuge und Motorräder, Kraftstoff, die Ausgaben für Löhne und technische Ausstattung, - Computer, Kommunikationsmittel, Büros, Systeme der Überprüfung und Bewertung.
Derzeit beginnen wir ein Programm für die technische Ausbildung für Jungendliche, Kinder der Familien auf dem Land, die die neunte Klasse abgeschlossen haben und die wir ausbilden wollen, um innerhalb einer Frist von zwei Jahren mit mehr Personal eine bessere technische Unterstützung gewährleisten zu können.
Allerdings ist es wichtig zu betonen, dass wir uns daran orientieren wollen, die solidarische Unterstützung aus dem Ausland zur Stärkung dieses wichtigen Bereichs einzusetzen, denn ohne technischen Unterstützung werden die landwirtschaftlichen Erträge niedrig bleiben und die Produktionsmethoden müssen an einer angemessenen und nachhaltigen Nutzung der natürlich Ressourcen ausgerichtet werden.
Wir kennen die negative Politik der transnationalen Konzerne, Samen mit verschiedene negativen Eigenschaften anzubieten und Kunden aufzudrängen. Sie verkaufen zum Beispiel transgenes Saatgut mit negativen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. In Nicaragua wurde die Einfuhr von solchem Saatgut verboten.
Andere Samen werden als „Terminator“ bezeichnet, ihnen fehlt die Fähigkeit, sich für eine zweite Ernte zu reproduzieren. Das heißt, dass die Bauern nichts zurückhalten können von ihrer Ernte für Aussaat beim nächsten Zyklus.
Als Reaktion auf diesen Perversionen des Marktes fördert CIPRES ein Programm namens „partizipative Pflanzenzüchtung“ (Fitomejoramiento participativo), bei dem die Bauern und Gemeinschaften lernen, ihr eigenes Saatgut zu produzieren durch die Auswahl der besten Produkte. Bis heute haben wir es in einigen Gemeinden und Kooperativen geschafft, dass sie sich so mit eigenen Samen selbst versorgen können, und damit schützen wir auch die historisch gewachsene Erbgut unserer Pflanzen. Bis heute haben wir es geschafft, eigenes verbessertes Saatgut bei Bohnen, Mais und Hirse zu produzieren, drei wichtige Rohstoffe für die Ernährungssicherheit. Diese Samen wurden von der Regierung analysiert und registriert, die Qualität des Saatguts und ihr Wert für das nationale Erbe wurde bescheinigt.
Die Regierung unterhält ein landesweites Programm, in dem sie nicht nur die Verwendung unserer traditionellen Samen fördert, sondern auch die Technik der Auswahl und die Lagerung verbessert. Eine Stelle der Regierung, das Institut für landwirtschaftliche Technologie (Instituto Nicaragüense de Tecnología Agropecuaria - INTA) ist für die Produktion, Prüfung und Freigabe des Saatguts zuständig. Alle Verwendungen von Samen laufen unter strengen Sicherheitsstandards, die entwickelt wurden, um die Produktivität in diesem Bereich zu verbessern. Samen werden verbessert, um sie widerstandsfähiger gegen Trockenheit oder Überschwemmungen zu machen und die Produktivität zu erhöhen. Dies alles ohne genetische Manipulationen, sondern durch einfache Auswahl und Reinheit der Sorten.
Unser Ziel ist es, zu verhindern, dass uns die Transnationalen Konzerne ihre Bedingungen für unsere landwirtschaftliche Produktion diktieren. Allerdings sind wir in eine offenen Volkswirtschaft, die großen privaten Produzenten kaufen in der Regel Saatgut der transnationalen Konzerne, aber dabei ist die Einführung von gentechnisch verändertem Saatgut verboten. Alle Samen, die in das Land kommen, müssen zwangsläufig einen Prozess der Quarantäne durchlaufen, um bei der Einfuhr die Qualität und die Sicherheit des Samens zu analysieren.
Erstens sieht die sandinistische Regierung ihre vorrangige Aufgabe darin, die Ernährungssicherung zu gewährleisten durch eine wachsende Produktion von Grundnahrungsmitteln, einen besseren Zugang zu Krediten und Vermarktung und durch faire Preise für Erzeuger und Verbraucher. Die Regierung hat ein integriertes System eingerichtet, zu dem Produktionskredite, begrenzte technische Unterstützung, Aufkauf der landwirtschaftlichen Produkten und Aufbau von funktionierenden Vertriebskanälen, um die lange Kette der Zwischenhändler zu reduzieren, wegen denen die Produkte so teuer sind, wenn sie den Verbraucher erreichen. Diese Maßnahmen steigern die Binnennachfrage und verbessern die Ernährung der Menschen, vor allem die der Kindern und der älteren Menschen.
Zuerst muss die Ernährung der Bevölkerung gesichert werden, der Überschuss wird auf dem Weltmarkt verkauft, um die erforderlich Devisen in harte Währung einzunehmen, die uns den Kauf anderer Waren und Dienstleistungen ermöglichen, die wir nicht produzieren können, wie Erdöl, Maschinen, Produktionsmitteln etc.

Die sandinistische Regierung hat besondere Anstrengungen unternommen, um unsere Absatzmärkte zu diversifizieren und um Abhängigkeiten zu vermeiden. Bis 2007 waren die Vereinigten Staaten von Amerika der normale Markt für unsere Produkte, aber mit der Krise 2008-2009 wurde deutlich, dass wir uns in einer extrem abhängigen Situation befinden. Deshalb richteten sich unsere Anstrengungen darauf, nicht von einem einzigen Markt abhängig zu sein. Die USA blieb bis heute unser wichtigster Markt, aber wir haben unsere Vermarktung auf dem zentralamerikanischen Markt erweitert, haben neue Märkte erschlossen wie Venezuela (das Rindfleisch, Hühnerfleisch, Meeresfrüchte usw. kauft und sich zu unserem zweitgrößten Handelspartner entwickelt hat) Russland, das Rindfleisch kauft, und Taiwan, das uns andere Güter wie Kaffee, Alt-Metall, Innereien, Kunsthandwerk etc. abnimmt.
Aber wir wollen nicht weiter nur ein Land sein, das seine Rohstoffproduktion unbegrenzt fortgesetzt und dabei keinen Wert erwirtschaftet. Deshalb fördern wir Programme zur Agroindustrialisierung für kleine Familienbetriebe, Kooperativen und Zusammenschlüsse. Und unsere Investitionen werden auf andere wirtschaftliche Tätigkeiten gerichtet, die auf dem Reichtum unserer natürlichen Ressourcen bassieren. Zum Beispiel bauen wir ein Wasserkraftwerk, das es uns ermöglichen wird, 40% unseres Energiebedarfs ohne den Einkauf von Erdöl zu produzieren. Wir haben vier Windparks, die Energie aus Wind erzeugen, wir stehen vor dem Abschluss der Machbarkeitsstudien für mindestens vier geothermische Anlagen, die es uns ermöglichen werden, Energie mit den Vulkanen zu erzeugen. Das heißt, bis zum Jahr 2017 werden wir rund 93% der Energie aus erneuerbaren Quellen produzieren, die uns von unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen teilweise befreien.
Andere Projekte zielen auf die bessere Nutzung unseres Landes durch Bewässerung, den Aufbau von Anlagen zur Speicherung von Regenwasser für den Einsatz während der Trockenzeit, so dass die Landwirte mindestens zweimal im Jahr ernten können, was bisher noch nicht überall möglich ist.
CIPRES hat der Regierung Vorschläge zur Verbesserung der lokalen und regionalen Wirtschaftskreisläufe präsentiert und die Regierung hat eigene Anteile entwickelt und daraus ihre Politik formuliert, die im wesentlichen den Anforderungen von unserem Team von Fachleuten und Technikern entspricht.
Unsere Vorschläge werden jetzt zur staatlichen Politik und unsere Rolle besteht jetzt darin, diese Arbeit fortzusetzen und uns auf die langsame und schwierige Aufgabe zu konzentrieren, die Bauern mit dem Ziel der besseren Organisation und Zusammenschlüsse zu begleiten. Wir sind der Meinung, dass der ländliche Sektor nur dann eine höhere Produktivität und bessere Produktion erreichen kann, wenn die Kräfte aller Akteure zusammengefasst werden, wir uns auf die Förderung, Organisation und Stärkung der landwirtschaftlichen Genossenschaften konzentrieren.
Wir haben nun [bei CIPRES] die Zahl von 135 Genossenschaften erreicht, die mit unserer Unterstützung und Hilfe arbeiten. Und diese Genossenschaften haben auf der organisatorischen Ebenen einen qualitativen Sprung geschafft, in dem sie 13 Zusammenschlüsse von Genossenschaften und Kooperativen landesweit gegründet haben. Insgesamt arbeiten wir derzeit mit etwa 5.400 Produzenten von Produkten wie Kaffee, Rindern, Hühner, Schweinen, Schafen, von Bohnen, Reis, Gemüse und Früchten.
Wir als CIPRES sind der Ansicht, dass die Solidarität einen wichtigen Beitrag dabei leisten kann, die nicaraguanische Landwirtschaft bei der Verbesserung ihrer Produktion, der Erhöhung ihrer Produktivität und bei der Gestaltung ihrer Organisation zu unterstützen. Für die Bauern ist es wichtig, technische Unterstützung zu erhalten
- - in Bereichen wie Saatgutversorgung,
- - bei der Regenwassernutzung - in trockenen Gebieten -,
- - beim Aufbau von Boden- und Gewässerschutz in regenreichen Gebieten mit agroökologischen Technologien,
- - bei der Stärkung der Institutionen und Verwaltung der Genossenschaften, damit sie größere Erfolge bei ihrer Arbeit erreichen können,
- - bei der Effizienz der Produktion und internen Demokratie in ihren Organisationen.
