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Los Pipitos: Die Mutter eines Kindes mit Autismus berichtet
Los Pipitos ist eine der Organisationen in Nicaragua, die sich um die Belange der Menschen mit Behinderung kümmern. Das Besondere dabei: es ist eine Organisation der Eltern, die sich für ihre Kinder einsetzen. In Nicaragua sind Inklusion und Gleichstellung gesetzlich verbriefte Rechte (Gesetz 763), was keineswegs selbstverständlich ist. In Somoto kooperiert die Leitung von Los Pipitos mit der Sektion des Erziehungsministeriums, um Erfahrungen von Eltern in den Schulalltag einzubringen.
Eine Mutter eines autistischen Kindes, die gleichzeitig im Bildungsbereich tätig ist, berichtet:
„Inklusion in öffentlichen Schulen - noch ein fernes Ziel:
Die schulische Inklusion ist ein Grundrecht und eine gesellschaftliche Notwendigkeit, insbesondere im Kontext öffentlicher Schulen, wo die Vielfalt der Schülerschaft eine tägliche Realität ist. Allerdings wird die Inklusion trotz erklärter Strategien und Bemühungen nicht zu 100 % verwirklicht. Die Realität in den Klassenzimmern spiegelt ein komplexes Panorama wider, wo die Lehrkräfte mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sind, die ihre Fähigkeit übersteigen, allen Schüler*innen umfassende Aufmerksamkeit zu schenken.
Eines der Haupthindernisse für eine wirksame Eingliederung ist die Arbeitsüberlastung der Lehrkräfte. Zusätzlich zu ihren akademischen Aufgaben müssen sie außerschulische Aktivitäten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schulzeit wahrnehmen. Hinzu kommen die Einführung eines neuen Bewertungssystems und detaillierte Lernnachweise, was zu einem Mehr an Verwaltungsarbeit führt, ohne dass sich damit unbedingt die Qualität des Bildungsprozesses verbessert. Dies führt dazu, dass jede Lehrkraft mehr Zeit damit verbringt, ihre Aufzeichnungen zu verfassen, als Strategien oder Fördermaterial für ihre Klassen zu erstellen.
Vielfalt in den Klassen und Mangel an Ressourcen:
In einer einzigen Klasse kann eine Lehrperson für 30 oder mehr Schüler*innen verantwortlich sein, die alle ihr jeweils eigenes Tempo und eigenen Lernstil haben. Die Notwendigkeit, personalisierte Materialien für jedes Fach zu entwickeln, erschwert diese Aufgabe zusätzlich. Diese Vielfalt sollte eine bereichernde Lernmöglichkeit sein, wird aber ohne angemessene Unterstützung zu einer Herausforderung.
Mangelnde Ausbildung der Lehrkräfte in Sachen Inklusion:
Eine weitere große Herausforderung ist die begrenzte Ausbildung, die Lehrkräfte erhalten, was Behinderungen und spezifische Erkrankungen wie Autismus, Legasthenie oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betrifft. Die verfügbaren Fortbildungen sind in der Regel kurz, allgemein und werden zu Zeiten abgehalten, die den Arbeitszeiten der Lehrkräfte oft entgegenstehen, was die Möglichkeit einschränkt, an ihnen teilzunehmen oder das Gelernte umzusetzen.
Mangelnde Unterstützung durch die Familie:
Ein unsichtbares, aber entscheidendes Hindernis ist die fehlende Unterstützung vieler Eltern, insbesondere derjenigen, deren Kinder eine Behinderung oder eine Krankheit haben. Es besteht eine besorgniserregende Tendenz, die gesamte erzieherische Verantwortung in den Händen des Lehrpersonals zu belassen, als ob es dessen alleinige Pflicht sei, den Lehr-Lern-Prozess durchzuführen. Dieser Mangel an familiärem Engagement und Unterstützung untergräbt den Fortschritt der Schüler*innen erheblich. Schlimmer noch, viele Eltern weigern sich zu akzeptieren, dass ihr Kind ein höheres Maß an Unterstützung benötigt, und sind beleidigt, wenn sie gebeten werden, ehrlich über den Zustand ihres Kindes oder seine besonderen Bedürfnisse zu sprechen. Diese Verweigerung verhindert nicht nur, dass das Kind eine angemessene Betreuung erhält, sondern verzögert auch seine akademische, soziale und emotionale Entwicklung. Inklusive Bildung kann nicht wirksam sein, wenn es keine echte Mitverantwortung zwischen Schule und Familie gibt.
Empathie im Klassenzimmer - eine anstehende Aufgabe:
Inklusion hängt nicht nur von der Lehrkraft, sondern auch vom schulischen Umfeld ab. Leider ist das Einfühlungsvermögen unter Gleichaltrigen immer noch begrenzt. Trotz der Versuche, das Bewusstsein in der Gruppe zu schärfen, ist es schwierig, die zu Hause erlernten Verhaltensmuster zu ändern, wo oft ein Mangel an Informationen oder Ablehnung von Unterschieden herrscht. Als Lehrerin und Mutter eines Kindes mit Autismus kann ich mit Sicherheit sagen, dass Diskriminierung und Ablehnung real sind. Ich habe den Schmerz erlebt, als ich sah, wie mein Sohn wegen seiner Gesten, seiner Schreie und seiner Art zu sein, ausgeschlossen wurde.
Jeder Tag ist ein Kampf für sein Recht, in einer sicheren und respektvollen Umgebung zu lernen, wo Kinder und Erwachsene verstehen, dass es weder seine Schuld noch eine Sünde ist, dass er so ist. Als ich zwei Jahre lang seine Lehrerin war, war ich seine Beschützerin, sein sicherer Ort für ihn und für jedes Kind mit einer Behinderung oder einem Leiden. Denn wer könnte besser als ich sehen und im Herzen spüren, wie Diskriminierung Schmerz und Hilflosigkeit erzeugt? Ich sah aber auch die Dankbarkeit in seinen strahlenden und glücklichen Augen, wenn Erfolge sichtbar wurden.
Die hoffnungsvolle Rolle von Los Pipitos:
Inmitten dieser Herausforderungen gibt es aber auch wirksame Hoffnung. Eine davon ist die Arbeit der Organi- sation Los Pipitos, vor allem in den Vorbereitungskursen für die Schule, den Fördermaßnahmen, der Hausaufgabenbetreuung sowie in den engen Kontakten zu Eltern und Lehrer*innen. Ihre Arbeit geht weit über die Begleitung hinaus: Sie holt Kinder, die vom System unsichtbar gemacht wurden, aus der Dunkelheit heraus, bringt ihnen die Grundlagen bei, wie das Schreiben ihres Namens oder das Addieren und Subtrahieren, und hilft ihnen, ihr wahres Potenzial zu entdecken. Das Wertvollste an Los Pipitos ist, dass jede noch so kleine Errungenschaft gefeiert und die Bemühungen jedes Kindes unabhängig von seinem Zustand anerkannt werden. Der Ansatz basiert auf Würde, Geduld und Liebe - Werte, die die gesamte päd- agogische Praxis leiten sollten. Bei vielen Gelegenheiten sind sie es, die das scheinbar Unmögliche erreichen.
Schlussfolgerung:
Echte Inklusion geschieht nicht durch Reden, sondern durch konkrete Maßnahmen, kontinuierliche Fortbildung und einfühlsame und menschliche Begleitung. Sie erfordert ein tiefes institutionelles Engagement und auch einen kulturellen Wandel, der die Unterschiede wertschätzt und Empathie von Kindheit an fördert. Lehrer*innen brauchen echte Unterstützung, eine sinnvolle Ausbildung und menschenwürdige Bedingungen, um unterrichten zu können. Kinder mit Behinderungen brauchen Respekt, Möglichkeiten und einen Raum, in dem ihre Fähigkeiten gefeiert werden. Als Mutter und Erzieherin träume ich von einer Schule, in der alle Kinder unabhängig von ihren Herausforderungen die Möglichkeit haben, zu lernen, zu wachsen und sich geliebt zu fühlen.“ Es wird deutlich, wie stark sich die Problemlage bei der Förderung von Kindern mit Beeinträchtigung mit denen in unserem Bildungssystem überschneidet. Wir finanzieren deshalb Personal im pädagogischen Bereich, im Fortbildungsbereich und Promotoren, um eine kontinuierliche Begleitung von Schüler*innen, Eltern und Lehrkräften zu ermöglichen. hr
Spendenstichwort: Los Pipitos
Für die Finanzierung der verschiedenen Projekte sind wir auf ihre Unterstützung angewiesen.
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